Ffm. 21. Sept. 41
Meine lieben Kinder!
Gestern kam Euer Brief l. Paula & l. Albert
und wenn ich Euch sage, daß ich mich die ganzen Tage
im Unterbewußtsein um Euch sorgte, werdet Ihr es
kaum glauben. Fraget Ihr mich aber warum, so
kann ich keinen eigentlichen Grund sagen denn von
Euerem Stellungswechsel hatte ich keine Ahnung.
Wenn nun dieser Wechsel auch nicht gerade
etwas Schlimmes ist, so kann ich doch mit Euch fühlen.
Wenn man 2½ Jahre auf einem Platze war sich an
alles gewöhnt hat, dann mag es wahrlich nicht leicht
sein anders wo wieder von vorne zu beginnen.
Meinen Plan über Cuba zu Euch zu kommen, muß
ich deinen Zeilen l. Albert nach zu schließen gänzlich
aufgeben. Mit welch schwerem Herzen ich das tue, kann
ich Euch nicht sagen. Schien mir das doch der einzigen
Weg um baldigst mit Euch, meine geliebten Kinder
vereint zu sein. Habt Ihr denn auch nur einmal
bei dieser Zaro Tours nachgefragt, denn der Herr der
mir dieser Adresse sagte hatte weiter gar kein In-
tresse daran, als mich gut zu beraten. Dort sollte
wie ich Euch ja damals schrieb, das Depot nicht höher
als $500 sein. Heute wird wohl auch dieser Zeitpunkt
vorüber sein. Frau Jüngster sandte in dieser An-
gelegenheit, sogar ein Kabel an ihren Kindern.
Nun bin ich froh, daß ich es nicht getan, nachdem es doch
wertlos gewesen wäre. Wie ich Euch schon berichtet, er-
hielt ich von der Deutschen Bank Berlin Euere Zuwendung.
Ich darf doch jeden Monat damit rechnen? Ich kann
Euch nur immer & immer wieder von ganzen Herzen
Seite 2
danken. Sorget halt bitte immer für rechtzeitigen
Abgang. Euere Zeilen meine l. Freimark s habe ich
Euch ja schon vor 14 Tagen bestätigt. Warte halt
mein Lieselein nicht so lange, bis Ihr mir
immer schreibt, denn Ihr wißt ja, ich bin
„einsam & alleine“ da sind mir Euere Briefe immer
ein Labsal. Von den Tanten1 hatte ich auch wieder
Brief, sie möchten mich oft ein bischen bei sich haben,
nur, daß wir als mal ein bischen zusammen
tratschen können, schreiben sie. Von Rosel & Seppel
haben sie gute Berichte. Rosel sei in einer Mäntel
Fabrik beschäftigt & verdiene gut, auch Seppel, der in
Seiner Branche sei. Trotzdem schreiben sie
mir aber in jedem Brief, daß die Kinder die Schiffspassagen
für sie selbst & ihren Bruder in Berlin noch nicht ganz
beisammen hatten. Dies scheint mir ein Wink
für Euch meine l. Paula & Albert zu sein, doch ich
habe noch nie etwas erwidert, weil ich weiß,
daß Ihr es auch nicht habt. Wenn ich in meiner Aus-
wanderungsfrage, gleich zur Hapag oder Lloyd wäre,
so hätte ich wie Frau Wolff & viele andern, auch einen
Schiffsplatz bekommen. Es waren halt dazu allerhand
Geld nötig, das ich nicht hatte und der Hilfsverein brachte
nichts zuwege. Nun hoffe ich vom ganzen Herzen,
daß Ihr meine l. Timer s mir bald Gutes berichten
könnt, daß Ihr das Richtige gefunden. Wo blieben Eure Gluck?
Seid innigst gegrüßt & geküßt von Euerer immer mit?
Euch dankenden Mu.
Meine Lieben! Empfangt auch meine herzl. Grüße. Euer l.
Mutter kommt jeden Tag zu uns oder Selma zu ihr. Euer Max
Auch von mir recht herzl. Grüße Euere Selma
1. Die Tanten – Karoline – Seppel’s Mutter. Klara – Karolina’s
Schwester
Ffm. 21. Sept. 41.
My dear children,
Your letter came yesterday, dear Paula and Albert, and if I say to you that subconsciously I worried about you the entire day, you would not believe it. Ask me why and I cannot give you any actual reason since I had no idea about your change of jobs. If this change is also not something bad, I can empathize with it. When someone was at a place for 2½ years one gets used to everything, then it is truly not easy to begin anew somewhere else. According to what you wrote, my dear Albert, my plan to come to you through Cuba, I must totally abandon. With what a heavy heart I do that, I cannot tell you. It seemed to me to be the only way to soon be reunited with you, my beloved children. Have you also inquired at some point by Zaro Tours? The man who gave me the address has no other interest than to give me good advice. As I wrote to you at that time the deposit is not supposed to be higher than $500. Today, the time for this is probably past. Mrs. Jüngster sent a cable about this issue to her children. But I am happy that I didn’t do it, since in the end it was worthless. As I already informed you I received your deposit from Deutsche Bank Berlin. I can count on every month? I can only always, always thank you from my whole heart.
Side 2
Be sure that it is always sent on time. My dear Freimarks, I already acknowledged receipt
of your letter 14 days ago. Do not wait so long my dear Lieselein, until you always write,
since you know that I am “forlorn and alone,” so your letters are always a comfort for me. I again had a letter from the aunts1, they write that they often would like to have me with them for a while so that we can gossip together a bit. They have good reports from Rosel and Seppel. Rosel is working in a coat factory and has a good salary. Seppel is working in his sector. Nevertheless, they write in every letter that the children have not yet completely assembled the ship’s passage for them or their brother in Berlin. This seems to me like an innuendo for you dear Paula and dear Albert, but I never replied since I also know that you do not have it. If I had gone right away to Hapag or Lloyd on the question of my emigration I would have, like Mrs. Wolff and many others, gotten a place on a ship. It was just that too much money was needed that I did not have and the Aid Society did not provide any help. Now I hope with my whole heart, my dear Timers, that you soon can give me good news that you have found the correct way. You are intimately greeted and kissed from your always thankful Mu.
My dears,
Also, receive my sincere greetings. Your dear mother comes every day to us or Selma to her, your Max. Also from me very sincerest greetings, your Selma.
Englisch Deutsch

